Unsere nicht mehr ganz so neuen Nachbarn

Geflüchtetenunterkunft Merzhauser Straße – Unsere nicht mehr ganz so neuen Nachbarn

Vor fast zwei Jahren zogen die ersten geflüchteten Menschen in ihre damals neue Unterkunft an der Merzhauser Straße. Es hatte sich schon im Vorfeld – mit aktiver Unterstützung des Bürgervereins – eine ‚Flüchtlingsinitiative Schlierberg‘ gegründet. Damals waren wir um die hundert ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Weitere Akteure waren und sind verschiedene Ämter der Stadt Freiburg, die Freiburger Bürgerstiftung sowie das Diakonische Hilfswerk, das den sogenannten Sozialen Dienst in der Unterkunft selbst stellt.

Seit unserem letzten Bericht im Wiehre-Journal vor einem Jahr hat sich einiges getan. Familien sind zusammengeführt worden, einige haben sogar schon für sich selbst Wohnungen gefunden. In Freiburg grenzt diese Leistung an ein Wunder! Die anfangs gewünschte soziale Mischung – vorwiegend Familien mit Kindern – ist in etwa gleichgeblieben, wenn auch bunter gemischt. Am Anfang waren fast alle Familien aus dem Mittleren Osten, inzwischen sind etliche Westafrikaner dazugekommen.

Die Aufgaben des Helferkreises entwickelten sich sehr schnell. Am Anfang mussten wir bei der Hausaufgabenbetreuung sehr aktiv sein, heute haben die meisten Jugendlichen ganztags Schule inklusive Nachmittagsbetreuung, so dass dieses Element sich eher auf die Kinder im Grundschulalter begrenzt. Ich sehe trotzdem eine Benachteiligung der Teenager sich abzeichnen, die zu Hause kein Deutsch sprechen. Oberflächlich sind sie gut angekommen, verstehen Alltagssprache wunderbar. Aber Sprache als Träger auch abstrakten Denkens kommt dabei zu kurz. Mittlerweile besuchen viele Jugendliche samstags die arabischsprachige Schule – sonst liefen wir Gefahr, dass sie nicht einmal in der eigentlichen Muttersprache ausreichend alphabetisiert sind.

Es gab eine Initiative, dass für jede geflüchtete Familieneinheit ein Ordner ‚Briefwechsel‘ mit öffentlichen Stellen (Schulamt, Arbeitsamt, BAMF) zusammengestellt werden sollte. Leider kamen weniger als die Hälfte der angesprochenen Menschen zu den Terminen. Wie sie beim Arbeitsamt mit ihren Papierbündeln zurechtkommen, wir wissen es nicht.

Vielleicht erklärt der bescheidene Erfolg der ‚Ordnerinitiative‘ einen weiteren Wechsel. Nicht nur der Soziale Dienst unterstützt die Menschen mit ihren vielfältigen Bedürfnissen und an der sprachlich-kulturellen Schnittstelle Herkunftsland/Deutschland; seit Anfang 2018 hat auch die Stadt Freiburg Integrationsmanager eingestellt, die den Menschen bei sprachlichen und anderen Schwierigkeiten vorauslaufend helfen sollen. Diese proaktive Einstellung erscheint mir vielversprechend. Mit Sprachniveau B1 (900 Unterrichtsstunden, für einen Erwachsenen mit Arabisch als Muttersprache) allein ist es nicht getan. Wir erleben leider häufiger, dass arbeitswillige Zugewanderte eine erste Stelle bekommen, den Anforderungen am Arbeitsplatz jedoch nicht gewachsen sind, oft weil sie schlicht die Anweisungen der Kollegen/innen nicht befolgen können.

Frauengruppen, Nähkurse, Begegnungscafé, Spielmobil, Ausflüge zum Zirkus, Radfahrunterricht… Nicht alles kommt gleich oder nachhaltig gut an. Helfer und neue Ideen können wir immer gut gebrauchen. Aber der große Wandel, den ich zu bemerken meine, scheint sich jetzt schon seinen Weg zu bahnen. Und das ist der Wandel Richtung Gegenseitigkeit. Unsere neuen Nachbarn nehmen nicht nur, sie geben auch zurück. Vor zwei Monaten gab es das erste Fest von den Bewohnern für die Ehrenamtlichen. Und in diesem Monat lädt der Soziale Dienst zum gemeinsamen Gespräch beim Abendessen ein. Sprich: Die Arbeit, die wir ehrenamtlich leisten, wird wahrgenommen und teils auch geschätzt. Das war im ersten Jahr nicht immer so zu spüren.

Peter Davison

Hilfsangebote gerne unter:
https://www.fi-schlierberg.de/kontakt/kontakt/