Zum Titelbild: Die Bahn vergrault sich ihre Fahrgäste

Zum Titelbild: Die Bahn vergrault sich ihre Fahrgäste

Schon in unserer November / Dezember Ausgabe führten wir Klage, dass seit Wiederaufnahme des Bahnverkehrs von und Richtung Höllental ein barrierefreier Zugang zu den Zügen nicht vorhanden ist – im Gegenteil, durch Abschaffung der Fahrrinnen auch noch Behelfsmöglichkeiten genommen wurden. Auch die Badische Zeitung nahm sich in der Samstagsausgabe vor Weihnachten ausführlich dieses Themas an und berichtete ihrerseits über die Missstände sowie von ihren Erfahrungen in der Kontaktaufnahme mit der Bahn.

Der damals in der BZ abgebildete junge Mann konnte sein Fahrrad wenigstens noch die 25 Stufen hinunter und wieder hoch tragen – Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollatoren, Mütter mit Kinderwagen, ältere Fahrgäste mit einigem Gepäck schaffen das nicht oder nur sehr langsam und mit fremder Hilfe, die erst einmal vor Ort sein muss. Während bis Weihnachten wenigstens noch dann und wann einzelne Techniker in und um die Aufzüge herum beschäftigt waren, sind die Zugänge zu den Aufzügen seit Neujahr vernagelt und der Bahnhof verwaist. Kein Hinweisschild gibt darüber Auskunft, wie lange dieser Zustand noch dauert – geschweige denn es findet sich ein tröstenden Wort des Bedauerns ob des misslichen Zustandes. Auch in der Höllentalbahn selbst gibt es trotz Beschwerden weiterhin keine Ansage, die Fahrgäste mit schwerem Gepäck, Kinderwagen oder Mobilitätseinschränkungen davor warnt, am Bahnhof Wiehre auszusteigen. So steht dann der genannte Personenkreis überrascht und fassungslos vor der Treppenflucht und sucht den langen Bahnsteig hoffnungsvoll nach Alternativen ab bis ihm dämmert, in welche Falle die Bahn ihre werten Fahrgäste tappen lässt.

Dass an anderen Bahnhöfen entlang der Höllentalbahnstrecke zumindest bis zur Drucklegung dieses Journals noch keiner der Aufzüge funktionstüchtig ist, vermag auch nicht recht zu trösten. Auch nicht, dass dort offenbar die gleichen „Nichtdenker“ die bisherigen Steighilfen, Koffertransportbänder und barrierefreien Bahnübergänge (so z.B. in Hinterzarten) abschaffen ließen. Barrierefreiheit scheint ein Fremdwort für die Bahn zu sein. Denn: auch wenn die Aufzüge in ferner Zukunft ihre Aufgabe endlich erfüllen sollten – einseitig allein auf diese Lifte zu setzen scheint auch nicht recht alltagstauglich. Fällt nur einer von beiden aus oder ist kurzfristig überbelegt, stehen die Fahrgäste wieder vor dem gleichen Dilemma. Warum die Bahn deswegen die zwei Fahrrillen, die jeweils an der Seite der breiten Treppe am Wiehrebahnhof angebracht waren, entfernt hat, versteht der mitdenkende Fahrgast nicht. Schaffen diese doch einfach und kostengünstig zumindest für Kinderwagen, Rad und Rollator eine wenig störanfällige praktische Hilfe zur Überwindung der Treppen und damit auch Entlastung der Aufzüge in Stoßzeiten – sollten diese wirklich endlich einmal funktionieren.

Wir schimpfen nun auf „die Bahn“, dabei sitzen dort auch Menschen. Ob diese allerdings damit gut beraten sind, ohne erkennbares Bemühen vor Ort diese Konflikte in anonymer Ferne einfach auszusitzen, ist mehr als fraglich.
Loretta Lorenz