Wer am Sonntag, dem 08. März 2026 seine Stimme zur Landtagswahl Baden-Württemberg im Walter-Eucken-Gymnasium abgeben wollte, konnte im Pausenhof eine Vielzahl von überlebensgroßen Fotografien nicht übersehen. Sie waren Teil der Ausstellung „Gegen das Vergessen“, mit Porträts von Holocaustüberlebenden des italienisch -deutschen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano. Die Betrachtenden wurden von den ausdrucksstarken Porträts vor schwarzem Hintergrund vor allem durch deren Blick unmittelbar in ihren Bann gezogen.
Anlässlich dieser, vom 28. Februar – 22. März 2026 zu sehenden Ausstellung hatte die Schule für den 09. März 2026 zu einem Themenabend mit dem Titel „Bilderwelten“ eingeladen.
Zu Beginn führten Schüler*innen durch die Ausstellung und schilderten den Besucher*innen die Biographien der Überlebenden.
Die Gäste des Themenabends waren Luigi Toscano und der Historiker Dr. Christoph Kreutzmüller.
Nach der musikalisch umrahmten Einführung durch den Schulleiter Oswald Egler, den Vorsitzenden des Fördervereins des NS-Dokumentationszentrums Christoph Ebner und Freiburgs zukünftigen Bürgermeisters für Kultur und Soziales Roland Meder, führte die Lehrerin Sandra Butsch gemeinsam mit Schüler*innen des Geschichts- und Gesellschaftskurses durch den Abend.
Zwei Schüler der 12. Klasse, Anton Lampe und Fadi Saoud, rezitierten zu Beginn ein selbst verfasstes Gedicht mit dem Titel „Nie wieder“ auf sehr eindrückliche Weise.
Luigi Toscano begann 2014 mit seinem Projekt „Gegen das Vergessen“. Seitdem hat er mehr als 400 Überlebende des Holocaust getroffen, portraitiert und deren Bilder an vielen öffentlichen Orten ausgestellt. Die erste Ausstellung fand in der Sophienkirche in Berlin statt. Dort hingen zwei Porträts zufällig nebeneinander: eines von Horst Sommerfeld (das auch in der hiesigen Ausstellung zu sehen war) und eines von Walter Frankenstein. Sie waren als Kinder eng befreundet und kamen erst durch diese Ausstellung wieder miteinander in Kontakt. Sommerfeld hatte seine gesamte Familie im Holocaust verloren, während die Familie von Frankenstein überlebt hatte. In der Folge telefonierten sie regelmäßig, trafen sich jedoch nie wieder persönlich.
2016 stellte Toscano seine Porträts in Kiew aus, anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Massakers von Babyn Jar 1941, bei dem innerhalb von zwei Tagen 33.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder ermordet wurden.
Bis heute hat Luigi Toscano seine Portraits in vielen Städten weltweit ausgestellt, unter anderem in Wien, vor der Unesco in Paris, vor der UNO in New York, dem Memorial Center in Washington, in Genf, in Mainz und Mannheim, um nur einige zu nennen. Er präsentiert sie an zentralen öffentlichen Orten wie Parks, Plätzen und Häuserfassaden, die für alle zugänglich sind. Auf diese Weise finden sie einen direkten Zugang ins Bewusstsein der Menschen. Ein Schwerpunkt ist auch die Zusammenarbeit mit Schulen. So haben Jugendliche die Möglichkeit, Ideen einzubringen und mitzugestalten. Toscano erfährt mit seinem Projekt weltweite Aufmerksamkeit. Er wurde 2021 von der UNESCO zum „Artist of peace“ ernannt und erhielt im gleichen Jahr das Bundesverdienstkreuz.
Im Interview mit Fadi Saoud betonte Toscano, wie wichtig es ihm ist, mit seinem Projekt die Überlebenden des Holocaust sichtbar zu machen und damit insbesondere junge Menschen zu erreichen. Er stelle seine Arbeit gerne zur Verfügung damit „ihr etwas daraus macht und eine Haltung einnehmt“.
Eine andere Perspektive der Erinnerungsarbeit zeigte der Historiker Dr. Christoph Kreutzmüller, der Fotografien aus der NS-Zeit als historische Quellen analysiert. Anhand einer Fotoserie untersuchte er die Deportation von Juden in Eisenach 1942. Bei genauer Sicht zeigten die Bilder, wie diese Deportation vor aller Augen geschah, wie Nachbarn am Fenster und auf der Straße „glotzen“, dem traurigen Zug der Juden folgten, wie sie durch ihr „Zuglotzen dazu beitragen“. Er zeigte eindrucksvoll, wie Bilder Täterperspektiven offenlegen, eine „tattragende Gesellschaft“.
Im Interview mit Milo Gramespacher lautete seine Botschaft an die Jugend: „einander nachhaltig stärken“ und „Erinnerungsarbeit ist Demokratiearbeit, eine Aufgabe für die Gegenwart und die Zukunft“.
Zum Abschluss des sehr eindrucksvollen und berührenden Abends rezitierte Fadi Saoud, der selbst vor neun Jahren mit seiner Familie aus Syrien fliehen musste und seitdem in Freiburg lebt, ein selbstverfasstes kraftvolles Gedicht. Er sprach darin über seine Erinnerungen an die traumatische Zeit in seiner Heimat, seine wechselnden Gefühle, seine Lasten, die er immer mit sich trägt und eindrucksvoll über seine Hoffnungen, seinen Mut und seine Kraft, die Zukunft anzugehen. Zitat: „Zwischen Verlust und Hoffnung lern ich verstehen, dass selbst aus Asche neue Wege entstehen“.
Dr. Gabriele Denz-Seibert